Pioneer SX-828

 Kleine Restaurierung Pioneer SX-828 Receiver

Kürzlich hatte ich einen Pioneer SX-828 Receiver auf dem Tisch, der grundsätzlich noch funktionierte und auf den ersten Blick nur ein paar optische Mängel aufwies. Der Besitzer meinte, dass "... nur eine Birne drinnen nicht leuchtet und ein Drehknopf fehlt.... und das Gerät obendrein auch noch ein bißchen Liebe bräuchte". Na wenn es weiter nichts ist, kann das ja mal schnell gemacht werden. Dachte ich.....

Der Pioneer SX-828 ist ein sehr solider und außergewöhnlich gut verarbeiteter Receiver, der allerdings nicht zu den servicefreundlichsten seiner Art zählt. Der SX-828 ist der größte und leistungsstärkste Receiver der bekannten x2x Serie, zu der die Modelle SX-424, SX-525, SX-626 und SX-727 zählen. Der SX-828 wurde zwischen 1972 und 1974 produziert, ist 14,8 kg schwer und leistet 2x60W/8Ω. Der Neupreis lag seinerzeit  bei 2.220,-DM bzw. 430 US$. Er brillierte mit hoher Leistung, fortschrittlichem Schaltungsaufbau und einer sehr empfindlichen und selektiven Tuner Section. Der Pioneer SX-828 ist heute ein gesuchter Klassiker.


Zustand bei Übernahme
Eine Hälfte der Schlitzwelle des SELECTOR Rotary Switch war abgebrochen und der zugehörige SELECTOR Drehknopf war nicht mehr vorhanden. Ansonsten ist der Receiver äußerlich intakt und ohne grobe Mängel. Das Netzkabel ist eine relativ dünne 2-adrige Stegleitung mit sehr schmalem 2-poligem Stecker. Der Voltage Selector war auf 220V eingestellt. Die Deckeloberseite des Wood Case weist einige kleine Kratzer auf, Drehknöpfe, Frontpaneel und Skalenblende waren erheblich verschmutzt. Im Inneren war der Receiver jedoch nur mäßig stark verstaubt. Nach der Öffnung des Geräts konnte ich keine Hinweise auf vorangegangene Fremdeingriffe feststellen. BASS und TREBLE Controls sind für linken und rechten Kanal getrennt ausgeführt, ließen sich jedoch nicht getrennt bedienen, weil sie äußerst hartnäckig verharzt waren. Der gesamte Receiver befand sich augenscheinlich im Originalzustand.


Nach der kontrollierten Inbetriebnahme (mit Strombegrenzer) fiel zunächst die sehr gute Empfangsleistung des Radio-Teils und die relativ große Leistung auf. Wie erwartet war die Hauptbeleuchtung der großen Tuning-Skala komplett ausgefallen, die Beleuchtung des Signal- und Tuning-Meters funktionierte jedoch noch. Die Stereo Leuchte funktionierte ebenfalls, ebenso die meisten kleineren Anzeigelämpchen. Im Hörbetrieb zeigte sich ein starkes Kratzen des BASS Reglers, sowie lautes Knacken bei Betätigung des Low-Filters und des Audio Muting -20 dB Schalters im rechten Kanal. Die übrigen Regler und Schalter wiesen dem Alter entsprechendes Kratzen und Knistern auf, welches sich jedoch auf durchwegs niederem Niveau bewegte.

Der DC-Offset lag im linken Kanal bei 4-6 mV und im rechten  bei 2-4 mV, jeweils gemessen nach dem LS-Relais. Im Service Manual sind leider keine konkreten Angaben zur Einstellung des Ruhestroms zu finden - meine Messung zeigt jedoch Werte zwischen 24 und 26 mA, was durchaus als realistisch und angemessen angesehen werden kann. Nach einiger Suche im Internet habe ich eine vertrauenswürde Quelle gefunden, die den Ruhestrom mit 20 mV - gemessen an den Emitterwiderständen - angibt. 
Nach Abnahme des Gerätebodens fielen sofort die fliegend verdrahteten Sekundär-Sicherungen auf. So etwas findet man eher selten und ist eines Pioneers nicht würdig! Da zeigt sich zum ersten Mal der service-unfreundliche Aufbau des Receivers.....

Fleckiges Frontpaneel

Abgebrochene Hälfte der Schlitzwelle SELECTOR Rotary Switch; der SELECTOR Knopf fehlt

Kanalgetrennte BASS/TREBLE Controls

Innenleben mit dominanter Tuner-Section

Blick auf Hauptkühlkörper der Endstufe

Viele unterschiedliche Lämpchen hinter der Skalenblende

Fliegende Sicherungen an Geräteunterseite


Prüf- und Reparaturmaßnahmen
Die beiden großen Siebelkos im Power Supply (8.000µ/50V) sahen noch sehr gut aus. Eine Prüfung der Elkos in eingebautem Zustand zeigte, dass die Restkapazität noch 6.400µF und 6.700µF, also noch 80% und 84% beträgt. Da die ESR-Werte mit je 60 mΩ sehr niedrig waren, habe ich die Elkos im Gerät belassen. Ein allenfalls erforderlicher Tausch ist zu einem späteren Teitpunkt immer noch möglich.
Als nächsten Schritt habe ich den Voltage Selector auf 240V umgestellt und die Primärsicherung geprüft. Im Sicherungshalter war eine sehr "windige" Sicherung mit 2 A Nennstrom und 4 mm Durchmesser einbebaut. Ich habe die Sicherung - wie im Schaltplan angegeben - korrekterweise gegen eine 1,6 A 5x32 mm Sicherung ersetzt. 

Weil Reparaturen "mechnischer" Natur sehr häufig den kritische Weg einer Restaurierung darstellen, habe ich mich zuerst um die abgebrochene 6 mm Zahnwelle des SELECTOR Rotary Switch gekümmert. Dazu habe ich zunächst ein 9 mm tiefes Sackloch mit 2 mm Durchmesser in die Wellenachse gebohrt. Danach habe ich einen 2 mm Stahlstift leicht deformiert und mit der Säge aufgeraut. Dies sorgt für verbesserten Formschluß in der nachfolgenden Verklebung. Die fehlende Hälfte der SELECTOR Welle habe ich aus zwei übereinander gelegte Messing-Halbschalen aufgebaut, wobei die äußere Halbschale einen Durchmesser von 6 mm aufweist. Die innere Halbschale ist etwas kleiner im Durchmesser. 

Reparaturskizze SELECTOR Welle

Den passend abgelängten Stahstift hab ich nun in die Bohrung der Zahnwelle geklebt. Gleichzeitig habe ich die beiden Messing-Halbschalen über den herausragenden Stahlstift auf das noch vorhandene Gegenstück der Zahnwelle geklebt. Damit die Verklebung nicht verrutscht und der fertige Durchmesser planmäßig 6 mm beträgt, habe ich ein kleines MDF-Plättchen mit einer 6 mm Bohrung über die Reparaturstelle geschoben. Das MDF-Plättchen habe ich vor dem vollständigen Aushärten des Klebers wieder entfernt. Nach Aushärten der Klebestelle habe ich den reparierten Schaft so weit abgeschliffen, dass ein Standard-Drehknopf gut passend aufgesteckt werden kann.

Bohren 2mm Sackloch in SELECTOR Welle

Fertige 2mm Bohrung

Einpassen 2 mm Stahlstift in Bohrung

Anpassen kleine Messing-Halbschale 

Anpassen größere Messing-Halbschale

MDF-Plättchen als Montagehilfe

Fertige Welle, vor dem Abschleifen

Provisorischer Drehknopf auf SELECTOR Welle

Da die Zahnwelle nun erfolgreich "repariert" war und der Original-Drehknopf weder auffindbar, noch käuflich erhältlich war, habe ich einen lokalen Feinmechaniker gebeten, einen dazu passenden Knopf herzustellen. Zwei Tage später war der Knopf fertig und sah dem Original sehr ähnlich - gute Arbeit!

Einzelanfertigung Rotary Switch Knopf mit radialer Madenscharube

Nachdem der "mechanische Teil" der Restaurierung erfolgreich abgeschlossen war, konnte ich mich nun auf die elektronischen Baugruppen konzentrieren. 
Zuallererst habe ich die AF Assembly PCB (Audio Platine mit BASS/TREBLE/BALANCE/VOLUME, Audio Mute und allen Filtern) aus dem Receiver ausgebaut. Dies ist mit einigem Geschick auch ohne Demontage des Front-Paneels möglich, allerdings ist die Zugänglichkeit der Baugruppe sehr eingeschränkt.

AF Assembly PCB

Um die BASS und TREBLE Controls vernünftig und gut reinigen zu können, müssen sie ausgebaut werden. Dies stellte sich nicht so einfach dar wie sonst, weil es sich dabei um eine doppelseitige PCB handelt und die Füßchen der Potis sehr empfindlich sind. Trotz äußerst vorsichtigem Ausbau der Potis sind insgesamt vier Füßchen an den Potentiometern abgebrochen! Auf den weiteren Ausbau aller Potis habe ich deshalb verzichtet, zumal die BALANCE und VOLUME Controls gut von außen zu reinigen waren.
Als nächstes habe ich den Low-Filter Switch ausgebaut, zerlegt, die Kontakte gereinigt und konserviert. Dabei ist aufgefallen, dass die Kontaktträgerplatte durch den hohen Anpreßdruck des Kipphebels auf den Kontaktschlitten schon merklich durchgebogen war. Trotzdem habe ich noch den Audio Mute -20 dB Schalter ausgebaut und komplett gereinigt.

Low-Filter Switch

Eine Prüfung aller übrigen Schalter auf der AF Ass´bly PCB ergab, dass die Kontaktwiderstände sehr gering waren und ich die Schalter somit auf der PCB belassen habe. Selbstverständlich habe ich alle Schalter von außen mit Kontaktspray gereinigt. Achtung: Auch bei den Schaltern brechen die Pins leicht ab!

Äußerst geringer Kontaktwiderstand der Kipp-Schalter

Da auf dem 
AF Assembly PCB viele der berüchtigten hellbauen Sanyo Elkos verbaut sind, habe ich gleich alle Elkos auf der Platine durch neue ersetzt. Nach fertiger Überarbeitung der AF Ass´bly PCB habe ich sie wieder in den Receiver eingebaut und einen kurzen Testbetrieb vorgenommen. Der Receiver spielt nun wieder wunderbar ohne Kratzen und Mucken. Nur bei Betätigung des Hi-Filters waren jetzt sehr laute Knacksgeräusche wahrzunehmen, die vorher nicht vorhanden waren! Also AF Assembly PCB wieder ausbauen und mit der Fehlersuche beginnen. Obwohl solche Fehler meist auf defekte Kondensatoren in der Filterkette zurückzuführen sind, war es hier anders: Als Übeltäter hat sich ein Transistor in der Hi-Filter Schaltung herausgestellt, welchen ich umgehend durch einen geeigneten rauscharmen (low noise) Transistor ersetzt habe. Nach dem Wiedereinbau der PCB in den Receiver funktioniert nun alles einwandfrei! Als Besonderheit möchte ich hier noch anmerken, dass auf der doppelseitigen PCB keine Bauteilbezeichnungen aufgedruckt sind, was die Zuordnung einzelner Bauelemente nicht gerade erleichtert!

Ausgetauschte Elkos der AF Assembly PCB

Da ich den Receiver gerade so schön vor mir liegen hatte, habe ich mir gleich noch die Power Supply PCB näher angesehen und festgestellt, dass hier unschöne Verfärbungen zu erkennen sind, die auf Überhitzung eines oder mehrerer Bauelemente hindeuten. Im Bereich eines 330Ω/2W Widerstands in der 12 V Spannungsregelung für den Tuner waren sehr dunkle Verfärbungen zu erkennen. Eine Temperaturmessung im laufenden Betrieb ergab eine Temperatur des Widerstands von mehr als 135°C (was auch nicht wundert, da am Widerstand 25 V abfallen und somit 1,9 W Verlustleistung erzeugt wird und der Widerstand damit bereits bedenklich nahe an seinem Leistungslimit betrieben wird). Auch der zugehörige Längstransistor wurde etwa 60°C warm. Also habe ich den 2 W Widerstand gegen einen neuen 3 W Widerstand ersetzt und auch den Regeltransistor erneuert. Ein 1.000µF/10V Elko wies nur mehr 22% Restkapazität auf, also wurde auch dieser erneuert.

Längsregelung im Power Supply mit neuem Transistor und 3W-Widerstand

Da es sich nur um eine kleine Restaurierung handeln sollte, konnte ich nicht alle Baugruppen kritisch prüfen, sondern konzentrierte mich nur auf das Allernotwendigste. Eine schnelle Prüfung des LS-Relais ergab, dass ein Ersatz zwar wünschenswert, derzeit aber noch nicht zwingend erforderlich ist. Abschließend habe ich noch die Kontakte aller Rotary Switches an der Front gereinigt, das Wood Case neu eingeölt und die Lämpchen hinter dem  Frontpaneel erneuert. 
Selbstverständlich wurde auch der DC-Offset (0,5 mV) und der Ruhestrom (20 - 22 mV) neu eingestellt. 

Eine abschließende Leistungsmessung (mit Trenntrafo) ergab eine Maximalleistung von 52 W an 6,8 Ω. Der Pegelunterschied zwischen linkem und rechtem Kanal liegt - je nach Meßfrequenz - zwischen 0,6  und 1,3 dB. 

18,85 V RMS / 1 kHz / 6,8 Ω / mit Trenntrafo

Resumee
Der Pioneer SX-828 ist ein sehr solider Receiver aus der goldenen HiFi Ära in typischem Pioneer-Design. Es ist das größte und leistungsstärkste Modell der x2x-Serie und wahrscheinlich einer der letzten mechnisch sehr massiv gebauten Geräte. Er ist sehr gut verarbeitet und klingt auch wahrlich himmlisch. Dennoch gibt es ein paar Aspekte die ich hier kurz kritisch ausführen möchte:
  • Es sind zT doppelseitige Leiterplatten (PCB) verbaut, die das Aus- und Einlöten von Ersatzteilen erschweren
  • Auf den PCB sind keine Bauteilbezeichnungen aufgedruckt, was die Bauteilzuordnung erschwert
  • Das Gerät ist sehr dicht und verschachtelt aufgebaut, was die Zugänglichkeit im Servicefall erschwert
  • Im Gerät sind fliegende Sekundärsicherungen verbaut
  • Die Anschluß-Füßchen (Pins) der Potentiometer (Controls) und Schalter sind empfindlich und brechen leicht ab
  • Der Receiver wartet mit kanalgetrennter Bass- und Höhenregelung auf, was damals wie heute eine Besonderheit darstellt
  • Ebenfalls nicht oft zu finden sind zwei getrennte Mikrofoneingänge (L + R) und zwei Kopfhörerbuchsen

 
AF Ass`bly PCB Unterseite

AF Ass`bly PCB Oberseite



Auszug aus www.good-old-hifi.de:
Der SX-828 war ein teures Gerät (2.220,- DM waren 1972 wirklich viel Geld!), leistete dafür aber 2 mal 95 Watt sinus an 4 Ohm nach DIN (das war 1972 wirklich viel Leistung!) und war bereits für Tonabnehmer vorbereitet, die es damals noch gar nicht gab. Dafür hatte er auf der rechten Seitenwand eine Klappe, dahinter eine Steckverbindung und Platz für einen Vorvorverstärker. Soweit uns bekannt, kamen diese Adapter jedoch nicht auf den Markt. Dennoch gehört der SX-828 bis heute zu den sehr beeindruckenden Geräten der Hifi-Frühzeit.