Reparatur Kenwood Receiver KR-3090 und KR-4070
Es bietet sich nicht oft die Gelegenheit zwei Receiver aus der gleichen Modellreihe gleichzeitig auf den Tisch zu bekommen. Kürzlich hatte ich jedoch das Vergnügen, zwei äußerlich sehr ähnliche Kenwood Receiver aus den späten 1970er Jahren reparieren zu dürfen. Es handelt sich dabei um die inzwischen recht selten zu findenden Modelle KR-3090 und KR-4070. Die Modell-Serie bestand aus sechs Receivern, wobei der KR-3090 der zweitkleinste Receiver war, unmittelbar gefolgt vom größeren Bruder KR-4070, der in der Mittelklasse angesiedelt war. Anders als sonst von Kenwood gewohnt, folgten die Modellbezeichnungen der Serie 1978-80 keiner erkennbaren Logik:
- Kenwood KR-2090
- Kenwood KR-3090
- Kenwood KR-4070
- Kenwood KR-5030
- Kenwood KR-6030
- Kenwood KR-8010
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Hauptdaten |
BJ |
Gewicht |
Leistung |
Preis |
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KR-3090 |
1978-80 |
7,5 kg |
2 x 26W / 8Ω |
700,- DM |
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KR-4070 |
1978-80 |
9,4 kg |
2 x 40W / 8Ω |
900,- DM |
Beide Receiver befanden sich äußerlich in vollständigem Zustand ohne grobe Mängel, waren jedoch innen wie außen stark verschmutzt. Ebenso wiesen die Geräte noch die Original-Bestückung auf, insbesondere die Endstufentransistoren waren jeweils noch die Original-Typen. Auf den ersten Blick handelte es sich um unverbastelte Geräte, also frei von Fremdeingriffen. Alle Sicherungen waren stark verstaubt aber noch intakt. Bei beiden Geräten funktionierten weder die Skalen- und Instrumentenbeleuchtung, noch der STEREO Indikator; alle Lämpchen waren defekt bzw. durchgebrannt.
Beide Receiver sind prinzipiell sehr ähnlich aufgebaut. Die Tuner und Pre Amp Section ist bei beiden Geräten praktisch ident bzw. ist kaum ein Unterschied auszumachen. Da die Leistung des KR-4070 um rund 50% höher ist als die des kleinen Bruders KR-3090, schlägt sich der größte Unterschied der beiden Modelle naturgemäß im Power Supply und in der Endstufe nieder. Trafo und Siebelkos sind beim KR-4070 deutlich größer als beim KR-3090. Auch die Endstufe des KR-4070 ist anspruchsvoller aufgebaut, mit stärkeren Leistungstransistoren und einem größerem Kühlkörper. Auch kann beim KR-4070 der Ruhestrom mittels Trimpotentiometer und separatem Bias-Transistor elegant eingestellt werden, während dies beim KR-3090 nicht bzw. nur sehr rudimentär möglich ist. Gegenüber dem KR-3090 besitzt der KR-4070 gerasterte Drehregler für Bass/Treble, auch ist das Design der Drehregler geringfügig anders.
Um mir einen ersten Überblick über den generellen Zustand der Receiver zu verschaffen, überprüfe ich zunächst die vitalen Grundfunktionen, bevor ich die eigentlichen Reparaturmaßnahmen in Angriff nehme.
Kenwood KR-3090
Nach vorsichtiger Inbetriebnahme des KR-3090 hat sich gezeigt, dass der Receiver grundsätzlich funktioniert. Radiobetrieb ist gut möglich und auch alle Line Eingänge und der Phono-Eingang funktionieren, ebenso alle Regler und Schalter. Bei genauerem Hinhören hat sich jedoch herausgestellt, dass der linke Stereokanal etwas "rau" und "brüchig" klingt. Dies ist meist ein Hinweis auf einen Halbleiterdefekt irgendwo im Signalweg. Der DC-Offset des linken und rechten Kanals konnten mit 8 und 38 mV gemessen werden. Eine schnelle Messung des Ruhestroms hat ergeben, dass dieser im linken kanal mit 0,6 mV praktisch nicht vorhanden war, wohingegen der Ruhestrom im rechte Kanal mit 30 mV gut im Sollbereich liegt. Das Fehlen des Ruhestroms hat meist nur vier Ursachen: Ein oder beide Endstufentransistoren sind defekt, defekte (durchgebrannte) Emitterwiderstände, defekte Treibertransistoren oder defekte Bias Einstellung. Die Prüfung der Emitterwiderstände ergab, dass diese in Ordnung waren (interessanterweise hat sich herausgestellt, dass der tatsächliche Wert der Emitterwiderstande nicht wie im Schaltplan angegeben 0,47 Ω, sondern 0,33 Ω beträgt). Als nächstes habe ich das Ausgangssignal "upstream", also in Richtung Pre Amp, verfolgt. Am linken Lautsprecherausgang (Speaker Left) ist bereits ein stark deformiertes Sinussignal zu erkennen (die Signalform paßt gut zu dem "rauen" und "brüchigen" Klang). Diese Signalform setzt sich bis vor die Treiberstufe fort und konnte gerade noch am Kollektor der zweiten Verstärkungsstufe (Qm7 Collector) festgestellt werden, als der Receiver plötzlich wieder normal spielte und keine Verzerrungen mehr festgestellt werden konnten.
Als Fehlerursache kam jetzt nur noch ein Transistor des Differenzverstärkes am Eingang der Endstufe in Frage. In diesem Wissen habe ich also beide Transistoren des Diff Amp ersetzt und festgestellt, dass das Signal nun unverzerrt und stabil zu messen war. Der Ruhestrom lag nun bei 48 mV und der DC-Offset ist auf 67 mV angestiegen. Um sicherzustellen, dass der Fehler damit behoben war, habe ich alle übrigen Transistoren der Endstufe (außer den Leistungstransitoren) abwechselnd mit Kältespray behandelt. Leider hat sich hier gezeigt, dass sich einige Transistoren nicht stabil verhielten, weshalb ich auch diese ausgetauscht habe. Auch hat sich gezeigt, dass der Ruhestrom nun plötzlich wieder auf Null absank, weshalb ich auch gleich beide Leistungstransistoren im linken Kanal erneuert habe. Nachfolgende Messungen zeigten, dass sich die Endstufe nun normal verhielt, der Ruhestrom war mit 42 mV im Normalbereich. Unglücklicherweise habe ich während des Meßvorgangs mit den Prüfspitzen meiner Meßgeräte einen veritablen Kurzschluß irgendwo in der Endstufe erzeugt, was die Zerstörung weiterer Transistoren inklusive der Leistungstransistoren zur Folge hatte. Also wieder zurück zum Start mit neuerlichem Austausch fast aller Transistoren im linken Kanal. So was kostet natürlich Zeit und Nerven ... aber letzten Endes ist dann doch alles gut geworden!
Nachdem nun alle Fehler behoben werden konnten, hab ich den Receiver weitestgehend zerlegt, gereinigt und wieder zusammengesetzt. Wie üblich, habe ich auch alle Potis und Schalter ausgebaut, zerlegt, gereinigt und wieder in die PCB eingesetzt. Da beide Siebelkos weniger als 50% ihrer Nennkapazität aufwiesen, wurden sie gegen neue ersetzt.
Alte CHEMI-CON Siebelkos
Neue Siebelkos
Für die Beleuchtung der STEREO Anzeige habe ich eine warm-weiße LED verwendet, die sich sehr gut in die vorhandene Gummitülle einbauen ließ. Die Skalen- und Instrumentenbeleuchtung habe ich mit speziellen warm-weißen LED Leuchtmitteln realisiert.
Selbstverständlich wurden auch alle Platten des Drehkondensators gereinigt und auch die Lagereinheit zerlegt, gereinigt und geschmiert.
Vor dem finalen Zusammenbau des Receivers wurde nochmals der Ruhestrom geprüft und für in Ordnung befunden. Der DC-Offset wurde im linken Kanal mit etwa 60 mV und im rechten Kanal mit etwa 40 mV gemessen, was relativ hoch, aber noch nicht besorgniserregend ist. Um den DC-Offset weiter herunterzudrücken habe ich verschiedenste Maßnahmen ergriffen (Tausch Koppel-Kondensator, Tausch Eingangs-Diff-Amp, Tausch Elkos in der Rückkoppelung, Arbeitspunktverschiebung der Darlington Endstufentransistoren, provisorischer Einbau eines 100 Ω Trimpotis im Kollektorzweig des Eingangs-Diff-Amps zum Shiften der Center Voltage), die allesamt leider nicht den gewünschten Erfolg erzielten. So wie es aussieht, muß man eben mit dem relativ hohen DC-Offset leben.
Im Hörtest zeigen sich keine Unstimmigkeiten, der Klang ist sauber und angenehm, der leicht erhöhte DC-Offset fällt nicht negativ auf. Alle Regler und Schalter funktionieren klaglos, mit guter Haptik und ohne Kratzgeräusche.
Kenwood KR-4070
Die Inbetriebnahme des KR-4070 hat gezeigt, dass der Receiver grundsätzlich funktioniert und alle Funktionen gegeben sind. Wie beim zuvor geprüften KR-3090 läuft auch hier der Radiobetrieb problemlos und alle Line Eingänge (inkl. Phono) funktionieren, ebenso alle Regler und Schalter. Der DC-Offset betrug im linken Kanal -38 mV und im rechten -48 mV. Gleich wie zuvor beim KR-3090 hat sich bei genauerem Hinhören herausgestellt, dass der linke Stereokanal "rau" und "brüchig" klingt. Was liegt also näher, als sich die Signalform des Ausgangssignals näher anzusehen? Das Ausgangssignal des linken Kanals war ähnlich deformiert wie zuvor beim KR-3090, nur dass hier die obere Halbwelle "abgeschnitten" bzw. scharf begrenzt ist. Zur Eingrenzung der Fehlerursache habe ich die Endstufe vom Pre Amp entkoppelt um das Signal rückwärts verfolgen zu können. Am linken Lautsprecherausgang (Speaker Li) ist ein stark deformiertes Sinussignal zu erkennen. Diese typische Signalform läßt sich über die Treiberstufe und der zweiten Verstärkungsstufe (Q7 Collector) bis hin zum Differenzverstärker der Eingangsstufe (Collector Q1) verfolgen. Damit war klar, dass zumindest einer der beiden Transistoren des Diff-Amp defekt sein muß.
Nachdem ich die beiden Transistoren des Differenzverstärkers gegen zwei "gematchte" Ersatz-Transistoren ersetzt habe, lief die Endstufe nun sauber und problemlos und auch der DC-Offset hat sich im linken Kanal von -48 mV auf +14 mV verändert. Allein durch den Tausch der zuvor sorgfältig gematchten Transisitoren hat sich der Absolutbetrag des DC-Offsets auf ein Drittel des ursprünglichen Werts reduziert! Aus diesem Grund habe ich auch gleich die Differenzverstärker-Transistoren des rechten Kanals gegen neue und gematchte Typen ersetzt: Auch hier konnte der DC-Offset von -38 mV auf +14 mV "reduziert" werden.
Nun wurde der Receiver weitgehend zerlegt und gereinigt. Die Prüfung der beiden Siebelkos ergab, dass sie nur mehr 50-60% ihrer jeweiligen Nennkapazitäten aufwiesen, weshalb sie umgehend durch neue ersetzt wurden. Im Zuge der allgemeinen Sichtkontrolle sind mir zwei stark überhitzte Widerstände in der Nebenspannungsversorgung aufgefallen, die bereits deutliche Farbveränderungen bzw. "Verbrennungen" zeigten. Beide Widerstände wurden erneuert.
Alter Siebelko (linkes Bild) und Netzteil mit neuen Siebelkos
Zwei überhitzte Widerstände (linkes Bild) gegen zwei neue 0,6 W Typen ersetzt
Selbstverständlich wurden alle Schalter und Potentiometer, ebenso wie der zentrale Drehkondensator gereinigt und wo sinnvoll und erforderlich geschmiert und versiegelt. Um beim Messen des Ruhestroms keine unbeabsichtigten Kurzschlüsse (wie zuvor beim KR-3090) zu erzeugen, habe ich kurze Meßleitungen an die Emitterwiderstände angelötet. Damit können die Ruheströme der Endstufentransistoren nun sicher und komfortabel eingestellt und gemessen werden. Nach Einstellung des Ruhestroms auf 15 mV, hat sich in beiden Kanälen ein DC-Offset von +13 mV eingestellt, was ein durchaus respektabler Wert ist!
LED Skalenbeleuchtung
Im Hörtest ist nichts ungewöhnliches aufgefallen, der Receiver klingt klar und kräftig und die Haptik der Schalt- und Regelelemente ist sehr gut.
Nach den Reparaturmaßnahmen präsentieren sich beide Receiver wieder in funktionierendem Zustand und in ungewöhnlich gutem Allgemeinzustand. Lediglich beim KR-4070 ist die Beschriftung des POWER/SPEAKERS Selectors bereits stark abgegriffen und könnte eine Auffrischung gebrauchen. Beide Receiver sind heutzutage nur mehr selten erhältlich und verstrahlen mit ihrem zeitlos elegantem Design den Glanz einer damals bereits im untergehen begriffenen goldenen HiFi-Ära.