Restaurierung Kenwood KR-4600
Im Jänner 2026 habe ich einen Kenwood KR-4600 aus der goldenen Receiver-Ära der 1970er Jahre erhalten. Die „...600er“ Serie repräsentiert in urtypischer Weise den damals vorherrschenden Geschmack und war überaus beliebt. Die Serie bestand immerhin aus sieben (!) unterschiedlichen Modellen (KR-2600 … KR-9600), wobei der KR-4600 die vernünftige Mittelklasse darstellt. Der Receiver wurde von 1976 bis 1978 produziert, lieferte mit 10,6 kg Nettogewicht 2x30W an 8Ω und kostete damals 300 US-$ bzw. 1.300,- DM. Die Mängelbeschreibung des Vorbesitzers war kurz und bündig: Verstärkung defekt, zu geringe Lautstärke, seitliche Abdeckung fehlt.
In meiner nachfolgenden Beschreibung
möchte ich den Fokus weniger auf die elektronische Fehlerbehebung, sondern mehr
auf die elektro-mechanischen Arbeiten legen, da dies bei älteren Geräten
oftmals er aufwendigste Teil einer Restaurierung ist.

Meine Erstbeurteilung zeigte folgendes Bild: Bis auf die fehlenden Holz-Seitenwangen war das Gerät vollständig. Front, Kabel, Drehknöpfe und Schalter waren stark verschmutzt, an der Unterkante der Frontplatte waren zwei tief ausgeschlagene Dellen/Kerben vorhanden, das Innenleben war erheblich verstaubt, die Endstufentransistoren waren noch original und der Voltage Selector war bereits auf 220 V Netzspannung eingestellt. Ansonsten scheint sich der Receiver in unverbasteltem Zustand zu befinden. Bei Betätigung des Speaker Selectors fiel mir sofort ein Teil der geschlitzten Aluminium-Kerbwelle entgegen, sodaß der Drehknopf auf der Welle keinen Halt mehr fand. Ich nahm den Receiver mit den üblichen Vorsichtsmaßnahmen in Betrieb und konnte erfreut feststellen, dass der Receiver grundsätzlich funktioniert und alle wesentlichen Funktionen gegeben waren. Entgegen den Äußerungen des Vorbesitzers arbeitete der Receiver mit normaler Lautstärke, eine ordnungsgemäße Verstärkung war vorhanden. Erwartungsgemäß präsentierten sich alle Potentiometer mit starkem Kratzen und zeitweiligen Aussetzern. Der Speaker Selector (A / B / A+B) funktioniert: Interessant ist hier, dass in der Position A+B die zwei angeschlossenen Lautsprecherpaare hintereinander, d.h. in Reihe geschaltet werden. Einige Lampen zur Beleuchtung der großen Anzeige waren defekt und müssen ersetzt werden. Der DC-Offset beider Kanäle verhält sich nicht ganz stabil, sondern schwankte deutlich zwischen 30 und 100 mV.
Aus elektronischer Sicht habe ich einige verdächtige Elkos im Signalweg und die alten Transistoren des Differenzverstärkers am Eingang des Main Amps erneuert. Bei den Transistoren handelt es sich um den Typ 2SA620WL, die Kenwood gerne und häufig verwendet hat, aber heute leider nicht mehr erhältlich sind. Also habe ich diese Transistoren gegen passende Ersatztypen mit hoher Stromverstärkung ersetzt. Dafür sind jedoch paarweise je zwei Transistoren mit möglichst ähnlichem Verhalten erforderlich. Mit Hilfe meines Transistor Comperators habe ich aus einer Reihe gleicher Transistoren jeweils zwei ausgewählt, die sich in ihrem Verhalten bestmöglich ähneln und diese in den Main Amp eingebaut. Hier möchte ich noch erwähnen, daß die Endstufe bzw. der Main Amp des Receivers praktisch ident mit dem Main Amp des bewährten und soliden Vollverstärkers KA-3500 ist.


Skalen- und Lampenblende mit darunter liegendem Sub-Chassis zur Aufnahme
der Potis und Drehschalter
Um ein tieferes Einreißen der Risse in der Skalenblende zu verhindern und den Befestigungsbereich zu verstärken, habe ich auf der Rückseite jeweils ein dünnes Blech passend zugeschnitten und auf die Kunststoffblende geklebt.
Die Lampenhöhlen im Inneren der Skalenblende waren bereits dunkel verfärbt und erfüllen somit nur mehr bedingt die Funktion eines Reflektors. Um die Leuchtkraft der Frequenzband-Skala zu verstärken, habe ich die Lampenhöhlen selektiv mit selbstklebender Aluminiumfolie aus dem Sanitärbereich beklebt. Dies wirkt als aktiver Reflektor und erhöht die Hintergrundbeleuchtung.
Die Reparatur der abgebrochenen Aluminium-Schlitzwelle stellte sich als tückischer heraus als angenommen. In einem ersten Versuch habe ich die Bruchstelle der Schalterwelle mit der Säge eingeschlitzt. Durch den dadurch entstandenen geometrischen Formschluß soll eine bessere Kraftübertragung mit dem anzuklebenden Teil erzielt werden. Zwischen den beiden abgebrochenen Kerbwellen-Hälften habe ich nun ein 1 mm starkes Alu-Blech eingeklebt. Zuletzt habe ich die obere Kerbwelle mit dem Schalter-Schaft verklebt. Leider hat diese Konstruktion den Praxistest nach dem Aushärten des Spezialklebers nicht bestanden und ist erneut abgebrochen.In einem zweiten Versuch habe ich den oberen Kerbteil eines alten Drehschaltens abgeschnitten und diesen mit einer 2 mm Bohrung in axialer Richtung versehen. In gleicher Weise bin ich mit der zu reparierenden Schalterwelle verfahren. Die beiden Bohrungen dienen zur Aufnahme eines 2 mm starken Stahlstifts Zur Herstellung eines geometrischen Formschlusses habe ich beide Bruch- bzw. Klebeufer mit einem Sägeschlitz versehen.
Nun habe ich beide Teile samt Stahlstift miteinander verklebt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen! Sollte dies auch nicht funktionieren, so muß wohl ein neuer Schalter eingebaut werden.
Um einen glatten und reibungsfreien Skalenlauf des Tuners zu erzielen, habe ich zuerst das Schwungrad ausgebaut, zerlegt, gereinigt und neu geschmiert. Ebenso hab ich den rechten Lagerblock des Drehkondensators behandelt. Natürlich habe ich bei der Gelegenheit auch gleich die Platten des Drehkondensators gereinigt. Nun läuft der Senderlauf glatt und ruhig!
Schwungrad mit Welle und Lagerbüchse
Drehkondensator nach Reinigung
Der Receiver ist an der Rückseite mit einem Voltage Selector ausgestattet, der es ermöglicht zwischen 120 V und 220 V Netzspannung zu wählen. Da beide Netzspannungen in Europa nicht mehr gebräuchlich und nicht mehr zeitgemäß sind, habe ich beschlossen, den Receiver primärseitig auf 240 V umzustellen. Da die Netztransformatoren meist zwei Primärwicklungen mit je 120 V aufweisen, ist dies durch geänderte Kabelführung meist einfach möglich. So war es auch beim Kenwood KR-4600.
Netztrafo mit Primärsicherungen im Originalzustand
Zuerst habe ich mir über das Schaltschema des Voltage Selectors einen Überblick verschafft und mich vergewissert, dass dies auch tatsächlich so zutrifft. Sodann habe ich den Voltage Selector ausgebaut und die Primärseite des Netzanschlusses neu verkabelt. Um allfällige Konfusion zu vermeiden, habe ich den nicht mehr benötigten Sicherungshalter 3,15 AT ausgebaut und die Öffnung für den Voltage Selector mit einem schwarzen Kunststoffplättchen überklebt.
Da die Leuchtkraft der alten LED der „STEREO“ Anzeige schon etwas nachgelassen hatte, habe ich sie gegen eine neue ersetzt. Um die Leuchtkraft an die Skalenbeleuchtung anzupassen, habe ich die LED mit einem 1k Vorwiderstand versehen, sodass sie sich nicht zu stark in den Vordergrund spielt.
Da ja leider keine Seitenwände vorhanden waren, habe ich provisorische Seitenwangen aus Lärchenholzbrettern hergestellt, das ich noch übrig hatte. Um die schöne Zeichnung und die feine Maserung der Lärche besser zur Geltung zu bringen, habe ich die Seitenwangen abschließend mit Bondex Holzöl behandelt. Die Seitenteile sind zwar nicht perfekt geworden, aber bekanntlich hält ein Provisorium ja ewig!


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