Restaurierung Sanyo DCA 611 Vollverstärker
Über einen sehr netten Kontakt habe ich kürzlich ein interessantes und einigermaßen seltenes Restaurierungsobjekt erhalten. Es handelt sich um den Vollverstärker Sanyo DCA 611 aus den Jahren 1978-80. Er ist 10 kg schwer und leistet 2x60W/8Ω, der Neupreis betrug seinerzeit 650,- DM. Ähnlich wie viele andere bekannte japanische HiFi-Produzenten fing auch Sanyo kurz nach dem zweiten Weltkrieg klein an, nämlich mit der Produktion von Fahrraddynamos! Das Portfolio erweiterte sich allmählich über Radios, Fernsehgeräte, Videorecorder bis hin zu Unterhaltungselektronik im Allgemeinen. Ende der 1950er Jahre erkannte Sanyo die Bedeutung der Halbleiter-Technologie und begann mit der Massenproduktion von Transistoren und HiFi Geräten. Bis heute sind in sehr vielen namhaften HiFi Geräten Halbleiter von Sanyo verbaut, man denke nur an die sehr bekannten Dickfilm-Leistungs-Module der STK-Serie die in sehr vielen Endstufen erfolgreich eingesetz wurden. Auch im DCA 611 wurden in der Endstufe je ein Darlington-Power Pack STK-0059 (quasi-complementary circuit) verbaut.
Als ich den DCA 611 übernommmen habe, befand er sich in einigermaßen kläglichem Zustand. Der Netzstecker war nicht mehr vorhanden, Front, Drehknöpfe und Schalter waren erheblich verschmutzt, das Innenleben war mäßig stark verstaubt, die Instrumentenbeleuchtung war durchgebrannt, Achsen und Hebel von Knöpfen und Schaltern waren teils bedenklich verbogen, im Inneren flog eine M3-Madenschraube lose herum und der Volume Regler war leider nicht mehr original. Äußerlich war der Verstärker jedoch in intaktem Zustand, ohne grobe Mängel, selbst der Deckel war noch sehr gut erhalten, fast ohne Kratzer und Flecken.
Ausgangszustand, Volume-Regler nicht original
Welle Treble-Regler stark verbogen
Nach Abnahme des Gehäusedeckels fiel mir eine stark geschwärzte und verrußte Stelle an der Innenseite des Deckels auf. Dieser schwarze Fleck lag genau oberhalb des Spannungsreglers zur Stabilisierung der symmetrischen Nebenspannungsversorgung von +/- 22 V. Ein Blick auf den Spannungsregler zeigte einige verbrannte Elkos und Widerstände, was eindeutig als Ursache für die Schwärzung anzusehen ist. Da eine sorgfältige Sichtkontrolle aller übrigen Baugruppen keine Auffälligkeiten zeigte, habe ich den Verstärker vorsichtig in Betrieb genommen und mich sofort auf die Spannungsregelung fokusiert. Es stellte sich heraus, dass der negative Zweig der Spannungsversorgung defekt war (-1,6 V), während hingegen der positive Zweig mit +22 V absolut korrekt arbeitete. Nach einigem Messen, Prüfen und Testen stellte sich heraus, dass beide 820 Ω Fuse-Resistors durchgebrannt waren und auch einige Siebelkos leck bzw. defekt waren; die Längstransistoren und die Z-Dioden hingegen waren in Ordnung.
Spannungsregelung mit den beiden grauen Fuse-Resistors in Bildmitte und Siebelkos
Laut Parts List im Service Manual weisen die Fuse-Resistors eine Nennleistung von 1/2W auf, was viel zu wenig ist. Planmäßig fallen an den Fuse-Resistors 23,5 V ab, was einer Verlustleistung von 675 mW entspricht! Kein Wunder, dass sich die Widerstände verabschiedet haben! Da ich keine passenden 820 Ω Fuse-Resistors hatte, habe ich sie jeweils gegen zwei in Serie geschaltene 390 und 470 Ω (600 mW) Widersände ersetzt, wodurch sich die Verlustleistungen auf 280 und 340 mW deutlich reduzieren. Zwar liegt der Gesamtwidersatnd mit 860 Ω um 5% über dem Orignal-Wert von 820 Ω, was jedoch in Anbetracht der heutzutage üblichen höheren Netzspannung (230-240 VAC) für einen gerechten Ausgleich sorgt! Weiters habe ich die defekten Siebelekos erneuert, womit der Spannungsregeler wieder ordnungsgemäß funktionierte.
Fuse-Resistoren durch jeweils zwei in Serie eschaltene 390 und 470 Ω Widerstände ersetzt (Bildmitte) und neue Siebelkos in Spannungsregelung
Als nächstes habe ich den DC-Offset gemessen und festgestellt, dass der DC-Offset links mit 13 mV stabil im grünen Bereich ist, während er im rechte Kanal stetig auf etwa 100 mV und mehr ansteigt. Ein Blick auf den Main Amp zeigt, dass der Differenzverstärker im Eingang mit den berüchtigten 2SA798 Dual-Transistoren aufgebaut ist, welche nach langer Betriebszeit gern mal zu Anomalien neigen. Nun habe ich den 2SA798 gegen zwei gematchte Einzeltransistoren ersetzt, wodurch sich der DC-Offset im rechten Kanal auf ein akzeptables Maß von 37 mV reduziert hat.
Main Amp
Als vorläufigen Abschluß habe ich den DCA 611 mit einem CD-Player als Signalquelle verbunden und alle Eingänge und Funktionen getestet. Dabei habe ich festgestellt, dass das VU-Meter des rechten Kanals leider nicht mehr funktioniert bzw. nur mehr sporadisch zuckt. Alle anderen Funktionen waren jedoch grundsätzlich gegeben (auch der Phono Eingang samt EQ funktionierte!), auch wenn alle Schalter und Regler kratzen und knacksen, dass es eine wahre Freude ist.
Nachdem nun klar war, dass das Gerät grundsätzlich funktioniert, habe ich es weitgehend zerlegt und komplett gereinigt. Selbstverständlich habe ich auch die Kontakte aller Schalter gereinigt und konserviert. Ebenso habe ich das LS-Relais und alle Potis ausgebaut und gereinigt. Da das VU-Meter offenbar nur mechanisch blockiert war, habe ich einen Uhrmacher gebeten eine Blick darauf zu werfen, mit dem Ergebnis, dass sich der Lack vom Lackdraht des Drehspulinstruments aufgelöst hat und das VU-Meter somit irreparabel defekt ist.
Da die Original VU-Meter selbstverständlich nicht mehr erhältlich sind, habe ich einen passsenden Ersatz gesucht und gefunden, der sich optisch gut in das Front-Design einfügt. Im Vergleich zum alten VU-Meter kann mit dem neuen die Leistung leider nicht mehr direkt abgelesen werden, was der Alltagstauglichkeit jedoch keinen Abbruch tut. Die tatsächliche Leistung kann nur durch Umrechnung ermittelt werden (0 dB entspricht ca. 6W/8Ω).
Altes und neues VU-Meter
Eine Besonderheit stellt der "Rubycon" Zwillings-Siebelko mit 2 x 8.000 µF in der Hauptspannungsversorgung dar. Im ausgebauten Zustand weist er im Mittel noch eine aktive Kapazität von 6.000 und 6.800 µF auf. Obwohl er damit nur noch eine Restkapazität von ca. 80% aufweist habe ich ihn wieder eingebaut, weil er gute ESR-Werte und einen sehr geringen Leckstrom von 6 Mikroampere (!) aufweist, was für einen fast 50 Jahre alten Elko ein sensationell guter Wert ist!
Rubycon Zwillings-Elko
Gereinigter function-switch
Nach dem alles gereinigt war, habe ich das Gerät wieder zusammengebaut und erneut einem Test unterzogen. Bei der Messung des DC-Offsets ist mir aufgefallen, dass die Kontakte des LS-Relais trotz Reinigung immer noch einen unzulässigen hohen Übergangswiderstand aufweisen, weshalb ich das Relais durch ein überholtes und gut funktionierendes Relais ersetzt habe. Da sich die Pin-Belegung des Original-Relais vom Ersatz-Relais unterscheidet, kannn das Ersatz-Relais nicht in das PCB eingebaut werden, sonder muß mit kurzen Litzen außerhalb des PCB montiert werden. In diesem Zusammmenhang interessant und ungewöhnlich ist auch, dass die im Original-Relais verbauten Doppelkontakte in Serie geschalten sind. Im Gegensatz dazu sind die Kontaktpaare des Ersatz-Relais - wie üblich - parallel geschaltet!
Kontaktbelegung Ersatz-Relais (links) und Original-Relais (rechts)
Ein neues Netzkabel und der Einbau einer blauen Power LED beenden die Restaurierungsmaßnahmen des Sanyo DCA 611. Abschießend möchte ich noch auf den ungewöhnlich massiven und servicefreundlichen Aufbau des DCA 611 hinweisen. Im Vergleich zu anderen Geräten ist der mechanische Aufbau des Geräts als vorbildlich robust und durchdacht zu bezeichnen. Bis heute habe ich nur selten eine dermaßen solide Verarbeitung gesehen! Erwähnenswert ist auch die gute Qualität der Klemmbuchsen der LS-Terminals (ein ähnliches System ist auch bei vielen Pioneer Geräten aus dieser Zeit zu finden). Und zu guter Letzt hat sich auch der Original Volume Regler auf wundersame Weise wieder eingefunden!